M. Tilkov

Überwiegend Weiblich - Ausstellung mit Bildern und Skulpturen von Melanie Tilkov Galerie von Wussow - Weinheim-Lützelsachsen - 4. Mai 2014

Melanie Tilkov Jahrgang 1971, wuchs in Lüdenscheidt auf und lebt und arbeitet heute in Monheim am Rhein. Auf dem Selbstbildnis der Einladungskarte stellt sie sich voller Ernst und mit dem wie sie sagt für sie typisch prüfenden Blick dar, der gleichermaßen nach außen wie nach innen gerichtet ist.
Von 2009 bis 2013 studierte sie an der freien Akademie der Bildenden Künste in Essen Malerei, Bildhauerei und Grafik und schloss mit dem Meistertitel ab.

Die Ausstellung trägt den Titel „Überwiegend Weiblich“.
Drei Aspekte möchte ich diesbezüglich hervorheben: Wir können heute mit Gewissheit von dem allgemeinen Konsens ausgehen, dass Frauen und Männer künstlerisch betrachtet gleich befähigt sind.
Und Meret Oppenheim hat einmal festgestellt: „Die Kunst ist immer männlich-weiblich.“
Der Titel der Ausstellung „Überwiegend Weiblich“ aber wirft die Frage auf, ob die Sicht der künstlerisch arbeitenden Frauen auf diese Welt eine andere ist als die der männlichen Kollegen.

Die Werke von Melanie Tilkov spiegeln so etwas wie den typisch„weiblichen Blick“. Dies betrifft die Wahl der Motive wie aber auch das, was ihr an ihren Sujets wichtig ist.
Und nicht von ungefähr nimmt das Porträt eine besondere Stellung in ihrem künstlerischen Schaffen ein.

Wir kennen alle Aufnahmen, auf denen das eingefrorene Lächeln der fotografierten Person etwas Künstliches, ihren Wesenskern verstellendes hat.
Melanie Tilkovs Porträts aber machen deutlich, dass ihre dargestellten Personen die Gegenwart des Fotografen/Malers eher als gleichgültig, wenn nicht sogar als störend empfinden.
Die Künstlerin meidet auf ihren ausschließlich weiblichen Porträts alles Unechte, Gestellte. Sie fängt vielmehr jenen Anblick ein, der der Stimmung des Augenblicks geweiht ist. Und irgendwie schwingt der Aspekt der Vergänglichkeit mit, denn „pure Anmut kann nicht ewig dauern“ (Mir).

Es ist gleich, ob sie sich frontal oder im Anschnitt, ob sie sich perspektivisch leicht von unten oder oben darstellt, ihr Blick suggeriert, dass sie sich nicht durch ein Lächeln verbiegt, um ein gefälliges Bild zu gewährleisten. Das Rohe, Brüske, Abweisende eines unverstellten Augenblicks bricht immer wieder an ihren Porträts durch.
Eine Reihe von Bildern dieser Ausstellung gehören zur Serie „Abgeschminkt“, mit der die Künstlerin sich selbst wie aber auch den Kosmos Frau im allgemeinen umkreist und dies vorwiegend in Pastelltönen.

So sind ihre serienhaft angelegten Gesichtsmasken Bild für Bild zwischen genießender Entspannung und unnachgiebiger Selbstbespiegelung darstellt, was durch die schonungslose Frontalität bestärkt wird.
Und wenn die Gesichtsmaske betont gestisch bewegt, betont pastos und in vielen Farbnuancen aufgemalt ist, werden die im Inneren brodelnden Emotionen sowie die schillernde Vielfalt des seelisch Verborgenen an die Oberfläche geholt. Gnadenlos stellt sich die Künstlerin der Entlarvung von Innerem, von Unbewusstem, von Verdrängtem.


Die Gesichtspaste, die wie eine zweite Haut ist, wird als Mittel der Verhüllung und Enthüllung, als Maske und Demaskierung gleichermaßen erlebt.
Mit ihr fängt die Künstlerin psychologische Momente im Leben einer reifen Frau ein.

Alle Bilder dieser Ausstellung sind zwischen 2013 und 2014 entstanden und geben Einblicke in typisch weibliche Lebensphasen und -situationen.
Die Darstellung der Schwangeren sowie das in nuancierten Farbtönen angelegte intime Bild mit Mutter und Kind am Brunnen fangen den Zauber eines je intensiv erlebten Augenblicks wie aber auch die enge Bindung zwischen Mutter und Kind ein. Dass alles Erlebte sanft in die Erinnerung entgleitet und auch die enge Mutter-Kind-Bindung dem Wandel unterliegt, spiegeln die verschwimmenden Malspuren, die sich wie Schleier des Entschwindens über alle Details legen und sie auflösen.

Das kleine, uns den Rücken zukehrende Mädchen, das die Arme ausgebreitet, Fliegen bzw. Flugzeug spielt, zeigt einen unwiederbringlichen Moment, in dem es völlig auf das Spiel konzentriert Zeit und Raum vergisst. Dieser Augenblick ist ein entrückter Moment höchster Intensität und tiefsten Glücks, da das Kind ganz bei sich ist, was in den farbintensiven Formen seiner Körperbemalung einen klangvollen Ausdruck findet.

Am Mädchen auf der Schaukel lassen die vermalten Farbspuren vollzogene wie auch bevorstehende Bewegung erahnen und fangen damit die Flüchtigkeit und die Vergänglichkeit solcher beglückenden, schwerelosen Augenblicke ein.

Was nun aber die Selbstdarstellungen der Künstlerin betrifft, so werden wir, die Betrachter, zu Zeugen gedanken`schwerer` Augenblicke. Das Frotteetuch turbanähnlich um den Kopf gewickelt, inszeniert sich die Künstlerin auf dem großformatigen blauen Bild vor einem Spiegel.
Das Blau an Körper und Hintergrund unterstreicht in seiner einstrahlenden, zurückweichenden und beruhigenden Eigenschaft den Aspekt des Innehaltens.
Die Bilder der Künstlerin, die stets Fotografien als Ausgangslage benutzt, scheinen nicht unbedingt für Fremde, sondern zunächst ausschließlich für sie selbst gemalt zu sein. Sie sind existentiell für sie, denn sie verhelfen ihr zu Einsicht und Klarheit. Sie reflektieren Momente, in denen Selbsterkennen mit Verletzung, Traurigkeit und Melancholie einhergehen. Es sind Momente der Wahrheit.
Die Farben des Hintergrundes werden auf diesem Bild in solch breiten Farbbahnen verzogen, dass die Auflösung des Spiegelbildes droht. Dieses wird dadurch zwischen Gedanken- oder Erinnerungsbild zwischen Erscheinung und Entschwindung wahrgenommen.

Die in der Tradition klassischer Selbstbildnisse stehenden Arbeiten von Melanie Tilkov, die ganz pragmatisch auf der Tatsache beruhen, dass sie als Modell für sich am greifbarsten ist, machen deutlich, dass es ihr stets um das Dahinter, um das Unsichtbare einer Person geht. Aus diesem Grunde malt sie vorwiegend Frauen oder auch Kinder, die sie kennt. Ihre Empfindung vom Wesen der Porträtierten und deren Aura sind Voraussetzung ihrer Malerei.

Immer wenn Melanie Tilkov Farben vermalt wie auf dem wuchtvollen, bekenntnishaften Selbstbildnis, werden wir zu Zeugen des künstlerischen Herstellungsprozesses.
Gerade ihre vehementen wie aufbegehrenden Farbvermalungen lassen unmissverständlich erkennen, dass sie, obwohl sie von fotografischen Vorlagen ausgeht, keine fotorealistische Malerei betreibt. Der Härte und Kälte des Fotorealismus antwortet sie mit Arbeiten, die eng gekoppelt sind an ihre Gefühle für die ihr vertrauten Menschen, für Situationen und Momente, wodurch ihre Bilder etwas sehr Persönliches haben. Und dadurch dass die Künstlerin Schicht für Schicht ihre Farben übereinander malt, liegen Zerstören und Aufbauen wie Aggressivität und Verletzung eng beieinander.

Am Mädchen mit Turban erkennen wir, dass die Künstlerin maltechnisch betrachtet gerne Gegensätzliches, miteinander verbindet. Denn dieses Bild ist realistisch und malerisch-auflösend zugleich gemalt. Naturalistisch und intuitiv Gemaltes, Realistik und Abstraktion werden also von der Künstlerin frei und spannungsvoll kombiniert. Damit relativiert sie Stilprinzipien und setzt an ihre Stelle Freiheit und Offenheit.

Und manche Bilder erscheinen wie in einem Schwebezustand zwischen Konkretem und sich Auflösendem wie die mit Fine-Liner gezeichneten kleinformatigen poetisch zarten Frauendarstellungen, die hinter einer Wachsschicht ihre stille Aura entfalten.
Und wenn die Künstlerin eine Gestalt vom Hintergrund her aus dem Nichts an die Oberfläche auftauchen lässt, wie die dunkelhaarige Frau im violetten Umfeld, entfalten zarte Grau-Grüntöne andeutungshaft ihre Körperlichkeit. Durch das zarte Durchschimmern der Farben des Untergrundes erzielt die Künstlerin die Anmutung eines Dahinter, wodurch sie auch im Formalen die Vielschichtigkeit und Ambivalenz ihrer Porträts anklingen lässt.

Eine solche Ambivalenz spiegeln auch ihre plastischen Objekte aus Wachs, die wie die Gemälde mehrschichtig angelegt sind und den Gegensatz von Erscheinen und Entschwinden atmen.

Die Profildarstellung der Person aus Wachs ist in ihrer Unschärfe von zurückgenommener, nahezu verklingender Körperlichkeit, was auf fast alle Wachsarbeiten zutrifft. Sie erscheint wie hinter einem Schleier verborgen in stiller Weltabgewandtheit versunken zu sein. Sie trägt eine echte Blüte, ist mit Acryl untermalt ist und suggeriert, dass wir durch ihre Haut hindurch schauend von der Poesie des Unwirklichen erfasst werden. Sie entführt den Betrachter in die Sphäre des Traums und der Illusion und erzeugt in uns eine Ahnung davon, dass Zauber und Geheimnis allem Weiblichen innewohnen.
Ob es sich um ihre Porträts oder Objekte handelt, Wirklichkeit erschöpft sich in der Kunst von Melanie Tilkov nicht in der materiellen Erscheinung, sondern stets in der Ahnung dessen, was das Gegenteil davon ist bzw. sein könnte.


Aloisia Föllmer, Mai 2014