M. Tilkov

Ich bin freischaffende Künstlerin im Bereich Malerei, Grafik und Bildhauerei,Dozentin für Kunst an einer Kunstschule und momentan Lehrkraft für Kunst an einem Gymnasium, und habe mein Studium der Kunst und das darauf folgende Berufsleben im Kunstbetrieb nach einem wechselvollen und unbefriedigendem Berufsleben als ein „endlich angekommen“ begriffen.



Seitdem bin ich im Kunstbetrieb auf unterschiedlichen Ebenen aktiv, und sehr zufrieden damit. Dass ich noch studieren würde, war alles Andere als klar, bin ich doch die Erste in meiner Familie, die akademisch ausgebildet ist.



Vom Elternhaus her war klar, dass ich eine Lehre mache, Geld verdiene und somit schnell selbstständig würde. Zwar ist die Familie meines Vaters tendenziell handwerklich und auch künstlerisch unterwegs, Werkstätten und ihre Gerüche prägten meine frühesten Erinnerungen, aber Kunst? Kunst war zu „abstrakt“ und somit als Beruf nicht vorstellbar.



Trotz der anderen Berufe, und auch während meiner Erziehungszeit, begleitete mich handwerklich-künstlerische Arbeit, meine Ideen im Kopf mussten eine fühlbare/sichtbare Umsetzung in der Realität erfahren.



Aber erst durch das Studium erfuhr ich, wie schwer die künstlerische Arbeit wird, wenn nicht allein die handwerkliche Fähigkeit wichtig ist, die Begabung, sondern die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem „Warum“ hinzukommt.



Dennoch erachte ich es als essentiell, dass das „Handwerk“ sitzt, Grundausbildung Maltechnik, Zeichentechnik, Wissen um Farben, ihre Wirkungsweise, wie man sie einsetzt, wie ich Holz bearbeite, Ton, Stein …. Künstler, die nicht durch eine traditionelle Ausbildung gehen sondern von Anfang an in ihrem „Suppentopf“ weiter rühren, nie Stilleben gemalt, geschweige denn daran gelernt haben, die nie Menschen zeichnen mussten, nie Perspektive usw. lernten …. denen fehlt in ihrer Ausdruckskraft, auch in ihrem Spektrum, etwas. Natürlich kann man von Anfang an „abstrahieren“, aber nur wer die Basics lernte und das oft schmerzhaft lang, versteht, wie Abstraktion entsteht …. wie Minimalismus sich entwickelt.



Oft sind heute gezeigte Bilder von erschütternder Ahnungslosigkeit geprägt, was mich gleichermaßen verärgert, wie auch sehr traurig macht. Dadurch wird Kunst in ihrer Aussage entwertet, verliert, was sie eigentlich ausmacht. Nicht das Wollen, das Können zeichnet den Künstler aus …. und da gehört auch ein gehöriger Anteil an Praxis dazu, bis man dort ist, wo es einen, oft über Jahre, hingetrieben hat.



Ich malte Landschaften, Abstraktionen, Spuren … nur um da endlich zu landen, am Ende meines Studiums, wo es mich immer hingetrieben hat. Endlich „konnte“ ich gegenständlich, figurativ malen,gestalten … alles Andere vorher begreife ich nun als handwerkliche und auch gedankliche Vorbereitung darauf. Ohne das Wissen um die Naturabstraktion wäre heute keiner meiner Hintergründe möglich, ohne die Abstraktion allgemein nicht das Wissen um die Auflösung im Prozess.



Und deshalb und auch wegen meines enormen, fast getriebenen Arbeitspensums sehe ich mich als Arbeiter in der Kunst.



Meine Hände führen aus, was mein Kopf vorbereitet, gemalt, gebildhauert, gezeichnet hat, oft über Wochen, Monate imaginiert, bis ich dann zum für mich erlösenden, praktischen Teil komme und alles in ein Medium fließt, Farbe auf Leinwand, Holz wird gearbeitet, behauen, Ton aufgebaut usw.



In der Renaissance gab es einen, für uns heute sehr prägenden, Wendepunkt. Aus einer anonymen Kunsthandwerkerschaft, aus den „Werkstätten” traten Einzelne hervor, brillierten und wurden, peu a peu, ganz langsam … als Individuen wahrgenommen. Plötzlich wurden einzelne Künstler verehrt, Leonardo da Vinci und Dürer, das sind Namen, die noch heute „klingen“ und nachhallen. Bis in unsere Zeit kam es dann zur starken Verklärung des Künstlers als „anders, wunderbar und sonderbar zugleich“. Dabei haben wir Kunstschaffenden auch nur eine Begabung, in der wir arbeiten (müssen). Auch Chirurgen, Architekten, Lehrer usw. fühlen mit Sicherheit so etwas, was sie in die berufliche Richtung trieb, eine „Berufung“.



Vielleicht ist dieser Ruf, dem wir Künstler folgen, nur etwas drängender als der anderer Berufsgruppen, etwas elementarer. Aber gegen eine Verklärung wehre ich mich vehement, ich arbeite. Kunst. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.



Alles Aufgeblasene, Überzogene, Divenhafte mancher Künstler, die genau diese Verklärung befeuern, stört mich.



Nicht der Mensch sondern sein Produkt sollte wahrgenommen werden. Ist mein Bild schlecht, sollte nicht das größte Theater und der bunteste Budenzauber, die fieseste Provokation über dieses Defizit hinwegtäuschen. Und doch ist es heute(leider) oft so. Das Event steht über dem Produkt. Damit gehe ich nicht konform. Und sehe mich lieber als Handwerker in Sachen Kunst. Der guten Sache wegen.



M.Tilkov, 2017